Was ist Polyamorie?

Polyamorie, auch Polyamory geschrieben, bedeutet, mehr als einen Menschen gleichzeitig sowohl auf emotionaler als auch sexueller Ebene zu lieben. Die Polyamorie kennt verschiedene Beziehungsmodelle. Zu denen kann auch eine offene Beziehung gehören. Ein wichtiger Eckpfeiler der Polyamorie ist, dass alle Beteiligten davon wissen und damit einverstanden sind.

Der ähnliche Begriff Polygamie steht für die „Vielehigkeit“, also wenn zwei oder mehrere Partner miteinander verheiratet sind. Im weiteren Sinne wird auch das Bestehen von eheähnlichen Verbindungen unter mehreren Personen als Polygamie bezeichnet. Polygamie ist in Deutschland ebenso wie die Bigamie (Zweitehe) verboten. Innerhalb der Polygamie zeigen sich wiederum verschiedene Ausprägungen/Arten, allen voran Polygynie (Vielweiberer), Polyandrie (Vielmännerei), Polygynandrie (Gruppenehe). In polyamoren Mehrfachbeziehungen leben die Beteiligten oftmals so eng miteinander zusammen, dass auch von eheähnlichen Verhältnissen gesprochen wird.

Polyamorie – Begriffsentstehung und Bedeutung

Der Begriff Polyamorie oder „Vielliebe“ ist noch gar nicht so alt, obwohl es polyamore Beziehungsmodelle schon lange gibt. Die Kunstwortschöpfung setzt sich aus dem griechischen poly für viel und dem lateinischen amor für Liebe zusammen.

Schon in den 1960er-Jahren beschäftigten sich Freunde alternativer Beziehungsformen fernab der Monogamie, zu denen auch Anhänger der Freien Liebe gehörten, mit der Polyamorie. In den 1990er-Jahren, als das Internet die Welt eroberte, tauschten sich mehr und mehr Interessierte in Foren aus und bildeten Netzwerke. Zu dieser Zeit war der Begriff Polyamorie bereits in Umlauf.

Manifestiert hat sich der Begriff für alle einvernehmlichen, langfristigen intimen Beziehungen mehrerer Personen, durch die Definition der Autorin und Verfechterin der Polyamorie, Morning Glory Zell-Ravenheart: „Die Praxis, der Zustand und die Fähigkeit, mehr als eine liebevolle sexuelle Beziehung zur gleichen Zeit zu führen mit vollem Wissen und Einverständnis der beteiligten Partner“. Diese Definition fand 2006 Einzug in das Wörterbuch.

Die Betonung liegt gerade bei polyamoren Beziehungsmodellen auf der gefühlvollen Seite von Liebesbeziehungen. Die polyamore Theorie geht davon aus, dass Liebe nicht nur auf einen Menschen beschränkt sein muss, wie es das monogame Konzept vorsieht. Polyamorie, kurz Poly, ist einerseits eine Geisteshaltung andererseits auch ein nicht-monogamer Lebensstil.

Der Lebens-, Sozial und Unternehmensberater Christian Rüther hat sich intensiv mit der Polyamorie beschäftigt und zeigt kennzeichnende Merkmale auf. Das sind Ehrlichkeit/Transparenz, Gleichberechtigung, Einverständnis, erotische Liebe mit mehr als einer Person über eine bestimmte Dauer hinweg und langfristige Orientierung.

Diese Merkmale verdeutlichen, dass Polyamorie nicht „Betrügen“ ist, über die Freundschaft hinausgeht und weder mit der monogamen Beziehung noch mit dem anonymen unverbindlichen Partnertausch gleichzusetzen ist.

Treue, Verbindlichkeit, Loyalität, Ehrlichkeit, Respekt, eine gleichberechtigte Kommunikation und Hingabe gehören zu den Wertevorstellungen der Polyamorie. In der Essenz geht es darum, dass Personen in polyamoren Beziehungen eine liebevolle emotionale Bindung zueinander haben und gegenseitig dafür sorgen, dass es allen gut geht. Polyamorie distanziert sich ausdrücklich von Sex ohne jedweden emotionalen Hintergrund, wie er z.B. für One-Night-Stands, Fremdgehen, Prostitution oder anonymen Partnertausch (Swinging) oft typisch ist. Polyamore Beziehungen sind langfristig angelegt und beinhalten zumeist auch Sexualität, die jedoch nicht unbedingt in sexuellen Handlungen münden muss. Es reicht der Austausch sexueller Energie.

Polyamorie ist nicht an eine sexuelle Orientierung oder ein bestimmtes Geschlecht gebunden. Das heißt Heterosexuelle, Homosexuelle, Bisexuelle, Transgender, Intersexuelle können sich in einem Beziehungsmodell gleichermaßen und mit ganz verschiedenen Anteilen finden.

Die unterschiedlichen Formen von Polyamorie

Polyamorie kennt verschiedene Formen und Beziehungsmodelle. Allgemein findet eine Einteilung in Primär-, Sekundär- und Tertiärbeziehung (Primary, Secondary, Tertiary) statt, je nachdem welche Priorität der Partner im Leben des Einzelnen konkret spielt. Die Primärbeziehung kennzeichnet sich durch einen Hauptpartner, der im eigenen Leben auch die Nummer Eins ist. Die Sekundärbeziehung ist eine bedeutende und langfristige Partnerschaft, die jedoch nicht an die Primärbeziehung heranreicht. Unter Tertiärbeziehungen fallen z.B. kürzere leidenschaftliche Affären und freundschaftliche Verbindungen mit gelegentlichem Sex.Eine weitere Unterscheidung kann danach erfolgen, ob es nur einen, mehrere oder gar keinen Primärpartner gibt.  Die bekanntesten Poly-Modelle/Optionen im Überblick:

  • Offene Zweierbeziehung (Primary-Secondary)
    Hier hat der Hauptpartner Priorität. Die Hauptbeziehung soll durch Sekundärbeziehungen nicht gefährdet werden. Diese Form der Polyamorie kommt in der Praxis am häufigsten vor, allerdings gibt es hier sehr große Unterschiede wie das Modell tatsächlich gelebt wird. Es sind sowohl locker unverbindliche Affären mit Nebenpartnern als auch sehr enge Beziehungen möglich. Auch im Hinblick auf Informationen, Offenheit und Verbindlichkeiten gibt es Unterschiede.
  • Mehrfachbeziehungen
    Wie die Bezeichnung schon erkennen lässt, gibt es bei dieser Konstellation keine Primärbeziehung bzw. die vorrangige Zweierbeziehung. Alle Partner stehen auf der gleichen Stufe. Man könnte auch sagen – Jeder ist für jeden in jeder Hinsicht gleichbedeutend. Dieses Poly-Modell kann als Dreierbeziehung (Triade) oder Viererbeziehung (Quad) gelebt werden. Oftmals wohnt die polyamore Verbindung zusammen.
    Mehrfachbeziehungen können darüber hinaus auch als „geschlossene gleichberechtigte Mehrfachbeziehung“ und „offene gleichberechtigte Mehrfachbeziehung mit weiteren Beziehungen außerhalb“ geführt werden.
    Die geschlossene gleichberechtigte Mehrfachbeziehung, auch als Poly-Familie bezeichnet, gleicht einer Gruppen-Ehe. Hier leben zwischen drei und sechs Personen zusammen in einem eheähnlichen Verhältnis. Jeder der Beteiligten übernimmt die Verantwortung für alle und alle haben Sex miteinander. Sexuelle Kontakte nach außen hin, sind jedoch tabu. Es können auch weitere Personen in das Verhältnis aufgenommen werden. Hier spricht man von Gruppen-Treue oder Polyfidelity.
    Die offene gleichberechtigte Mehrfachbeziehung mit weiteren Beziehungen außerhalb (Poly Netzwerk), erlaubt auch sexuelle Kontakte zu Personen außerhalb der eheähnlichen inneren Gemeinschaft.
  • Poly-Singles
    Dieser Personenkreis liebt seine Unabhängigkeit und Freiheit, strebt keine Partnerschaft an,  will jedoch gleichzeitig nicht auf Liebe, Intimität und sexuelle Erfüllung verzichten. Poly-Singles tun sich dafür mit Singles der gleichen Einstellung zusammen oder sehen sich als Nebenbeziehung in einer offenen Beziehung. Sie können ihre sexuellen Bedürfnisse aber auch in bereits bestehenden Freundschaften ausleben.

Abgrenzung zur offenen Beziehung

Die offene Beziehung wird als Beziehungsmodell der Polyamorie angesehen, weshalb eine Abgrenzung nur im engeren Sinne erfolgen kann. Streng genommen setzt die Polyamorie voraus, dass eine tiefe emotionale Verbindung also eine Liebesbeziehung zu anderen Personen besteht. Diese kann muss aber nicht mit gelebter Sexualität einhergehen. Das unterscheidet die polyamore offene Beziehung von der allgemeinen Begriffsdefinition der offenen Beziehung, die sich auf die sexuelle Beziehungen außerhalb der Partnerschaft beschränkt. Da aber selbst in den Erklärungen der Polyamorie hier keine genauen Aussagen getroffen werden und generell alles möglich ist, kann die Abgrenzung nur soweit erfolgen, als dass es eine allgemeine Auffassung von der offenen Beziehung und eine explizit auf die Polyamorie gerichtete Auffassung gibt.

Polyamorie und Eifersucht – ein großes Thema

Eifersucht kann schon in monogamen Zweierbeziehungen erheblichen Stress und Probleme verursachen. In polyamoren Beziehungsmodellen hat Eifersucht eine neue und andere Qualität. Anhänger des polyamoren Lebensstils betonen, dass es bei der Polyamorie nicht darauf ankommt, Eifersucht zu verdrängen oder nicht zu empfinden, sondern sie anzunehmen und sich damit auseinanderzusetzen.

Es gibt nicht schwarz oder weiß, sondern ganz viele Zwischentöne. Denn der Hang zur Eifersucht kann bei dem einen stärker, bei dem anderen schwächer und wiederum bei einem Dritten gar nicht vorhanden sein. Das merken die Beteiligten jedoch meist erst im intensiven Erleben einer polyamoren Beziehung.

Mit der Eifersucht einhergehen Verlustängste, oft auch das Gefühl, sich mit oder an den „anderen“ messen zu müssen. Verlustangst scheint widersprüchlich in diesem Zusammenhang, da ja alle Beteiligten voneinander wissen und damit einverstanden sind. Dennoch müssen sich polyamore Menschen damit auseinandersetzen.

Da das Thema Eifersucht seit jeher in der Polyamorie  im Fokus steht, wurden verschiedene  Praxis-Strategien entwickelt, an denen sich „Polys“ orientieren können. Dazu gehört die intensive Auseinandersetzung mit den Angst einflößenden, beunruhigenden Gedanken und Vorstellungen, die vor dem geistigen Auge auch auf die Spitze getrieben werden, um sie dann genau zu hinterfragen. Zunächst für sich und dann mit den Beteiligten. Denn zwischen Fiction und Wirklichkeit liegen oftmals Welten.

Hier gibt es auch den Ansatz, die Eifersucht wie eine Zwiebel zu schälen, sie Schicht für Schicht aufzubrechen und die einzelnen Emotionen abzuarbeiten. Die Konfrontation mit der Eifersucht ist ebenso eine Möglichkeit, wobei diese mit dem Wissen des oder der Partner erfolgen soll. Daneben finden sich Tipps zur Körperarbeit, welche die aufkommenden Gefühle wie Wut, Trauer, Entsetzen, die Eifersucht auslösen kann, reduzieren können.

Ein Patentrezept gibt es in diesem Fall aber nicht. Wenn ein Partner merkt, dass ihn die Eifersucht übermächtig beschäftigt, muss er sich selbst hinterfragen, ob dies ein generelles Problem ist oder sich besonders durch die polyamore Lebensweise äußert. Mit der, auch körperlich spürbaren, Eifersucht zu leben, ohne sie akzeptieren zu können, ist keine Lösung.

Vor- und Nachteile in polyamoren Beziehungsstrukturen

Polyamore Lebenskonzepte sind vielschichtig, bunt und ebenso komplex. Auch die konkrete Ausgestaltung der Beziehung untereinander zeigt sich individuell. Daher gibt es keine allgemeingültigen Vor- und Nachteile. Erfahrungen, persönliche Weiterentwicklung, emotionales Wachstum, verschiedene emotionale Lernprozesse begleiten Menschen, die sich für eine polyamore Beziehung entscheiden.

Mögliche Vorteile:

  • Auflösung von festgefahrenen Denkstrukturen, neue Sichtweisen
  • Besserer Umgang mit Eifersucht, Verlustangst, Neid, Existenzangst
  • Erleben von Gemeinschaftlichkeit
  • Mehrere Partner bedeuten höhere Verlässlichkeit
  • Persönlichkeitsentwicklung, eigene Entfaltung
  • Auseinandersetzung mit sich selbst, neue Erkenntnisse
  • Vielfalt und Abwechslung auch auf sexueller Ebene
  • Intensives Training für offene Kommunikation und Konfliktlösung
  • Loslösen von Zwängen

Mögliche Nachteile:

  • Erhöhtes Konfliktpotential, mehrfache Beziehungsarbeit
  • Es kann sehr viele Regeln und Vereinbarungen geben, an die man sich zu halten hat
  • Hohe Kompromissbereitschaft
  • Stetige Kommunikationsbereitschaft kann einem zu viel werden
  • Mehrere Beziehungen mit gleicher Aufmerksamkeit zu pflegen, erfordert einen hohen Zeitaufwand und Energie. Das „switchen“ kann auch emotional anstrengen, da man auf jeden anders eingehen muss. Gelingt das nicht, bleibt die Beziehung oberflächlich.
  • Probleme mit Eifersucht und Verlustangst, man muss sich mit eigenen Ängsten und Wertevorstellungen intensiv auseinandersetzen
  • Unverständnis und fehlenden Akzeptanz von außen für den polyamoren Lebensstil, ggf. Vorwürfe aus der Familie, Rückzug von Freunden, auch Arbeitgeber und Ämter können hier Schwierigkeiten bereiten
  • Erwartungen können enttäuscht werden (Stichwort Sexuelle Freiheit)

Gesellschaftliche Akzeptanz

Polyamorie wird in Deutschland und vielen anderen Ländern nicht öffentlich propagiert, im Gegensatz zum monogamen Lebensstil. Dieser steht wie ein Paradigma scheinbar über allem, nach außen hin. Polyamore Beziehungsmodelle führen noch immer ein Schattendasein, da die Angst, sich nach außen damit zu öffnen, aufgrund nicht weniger Vorurteile, doch sehr groß ist. Vorurteile sind wie so oft das schlimmste Übel, meist wird von außen auch nur der sexuelle Aspekt gesehen.

Dabei drückt Polyamorie im der eigentlichen Definition genau das aus, was dieses bekannte Sprichwort meint: „Liebe ist das einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt“.

Wie bilden sich nun hinter diesem Grauschleier der allgemeinen Akzeptanz polyamore Beziehungen und Netzwerke? Viele entstehen aus einer Art innerer Zirkel, mit freundschaftlich verbundenen Menschen, Geliebten, sexuellen Bekanntschaften oder eher zufällig. Daneben gibt es aber auch Online-Kontaktbörsen oder weitreichende, länderübergreifende Gemeinschaften wie z.B. das Polyamore Netzwerk (PAN) e.V., über die sich Menschen, die Polyamorie leben wollen, austauschen und kennenlernen können.

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