Was ist Sapiosexualität?

Sapiosexualität wird als eine sexuelle Vorliebe definiert, die sich auf die Intelligenz und den Geistreichtum einer Person bezieht. Geschlecht und Aussehen stehen hier nicht im Vordergrund. Wer sich also von intelligenten Menschen sexuell angezogen fühlt, kann sich als sapiosexuell bezeichnen. Hier gibt es unterschiedlich starke Ausprägungen.

Über Sapiosexualität haben sich bis vor einiger Zeit in erster Linie Wissenschaftsblogs und Sexualforscher einige Gedanken gemacht, durch Online-Dating rückt der Begriff in einen neuen, populären Fokus. Denn die Kontaktaufnahme in Single- und Partnerbörsen funktioniert in erster Linie durch Kommunikation, die für Sapiosexuelle gebildet und geistreich sein soll. Gerade bei diversen, kostenpflichtigen Partneragenturen online werden gezielt Akademiker angesprochen, was auch einen seriösen, verlässlichen Eindruck vermittelt.

Nicht wenige finden die Diskussion um Sapiosexualität und das Bekenntnis dazu allerdings überflüssig, gerade weil die Präferenz für Menschen mit guter Allgemeinbildung, einem großen Wortschatz und einer angenehmen Ausdrucksweise doch für die meisten bei der Partnersuche attraktiv ist. Ulrich Clement, Sexualwissenschaftler, ist der Meinung, dass Intelligenz unabhängig von einer sexuellen Vorliebe attraktiv wirkt, da sie langfristig Ressourcen bietet, die zur gemeinsamen Lebensplanung wichtig sind. Beleuchten wir dieses Phänomen daher einmal näher.

Wortherkunft und Popularität des Begriffs Sapiosexualität

„Sapio“ leitet sich vom lateinischen Verb „sapere“ ab, was sich mit „wissen“ oder „denken“ gleichsetzen lässt. Der Begriff Sapiosexualität, der im englischen Raum schon in den 1990er Jahren entstanden ist und seit 2002 im Urban Dictionary steht, wurde  2014 durch die amerikanische Dating-Plattform OKCupid populär, die als erste eine gleichnamige Kategorie zur Selbstbeschreibung im Profil eingeführt hat. Ihrem Beispiel sind etliche Online-Singleportale mittlerweile gefolgt.

Da sich Sapiosexualität nicht auf das Geschlecht, sondern auf bestimmte Persönlichkeitsmerkmale bezieht, ist es keine sexuelle Orientierung, sondern eine sexuelle Präferenz.

Typische, sexuelle Orientierungen sind Hetero-, Homo-, Bi-, Poly- oder Pansexualität. Die Vorliebe für Intelligenz gehört nicht dazu.

Ob mehr Frauen als Männer sich als sapiosexuell empfinden, darüber gibt es keine eindeutigen Aussagen. Umfragen verschiedener Dating-Portale zufolge, beschreiben sich verhältnismäßig gleich viele Frauen und Männer von der Intelligenz einer Person erotisch angezogen. Eine Studie des Evolutionspsychologen Geoffrey Miller konnte immerhin belegen, je größer der IQ eines Mannes ist, umso besser zeigt sich seine Spermienqualität. Das wiederum signalisiert Frauen, dass eine hohe Intelligenz gute Gene verspricht, weshalb diese dann zu entsprechenden Partnern tendieren könnten.

Bei der Partnerwahl schauen Frauen ohnehin oft genauer hin. Optische Attraktivität fällt zwar nicht gänzlich unter den Tisch, aber laut Elitepartner, einer der führenden Partnervermittlungen online, neigen Frauen eher zur Sapiosexualität als Männer, für die äußere Attraktivität meist den Vorrang hat.

Wissen und Intelligenz machen eine Person sexy

Liebe und IntelligenzSo lässt sich die Bedeutung der Sapiosexualität auf den einfachen Punkt bringen. Auch eine besondere, eher von der Norm abweichende Denkart, die das Blut bei Sapiosexuellen oder  „Nymphobrainiacs“ in Wallung bringt, kann damit gemeint sein. Die Vorliebe zeigt sich je nach Individuum unterschiedlich stark oder in verschiedene Richtungen ausgeprägt. Sapiosexualität wird überwiegend auf die körperliche, erotische Anziehungsraft bezogen, schließt aber die mentale/emotionale Anziehung natürlich nicht aus. Beides spielt sogar oftmals ineinander.

Ob man selbst sapiosexuelle Präferenzen hat, lässt sich anhand einiger Kriterien herausfinden, die auch Aufschluss über die Ausprägung geben:

  • Small Talk bei Dates oder in der Kennenlernphase sind eher nicht das eigene Ding, sie törnen mehr ab als an.
  • Ein gutes Gespräch, tiefgreifende Themen und spannende Diskussionen werden als erregend empfunden.
  • Es macht an, wenn andere sich in einem bestimmten Gebiet besonders auskennen, oder vermitteln, dass sie viel und spezielles Wissen besitzen.
  • Auch Können, das Wissen voraussetzt, reizt den Sapiosexuellen.
  • Nackte Körper oder die Definition einer Person über ihr Äußeres lassen einen kalt.
  • Platte Witze und schmutziger Humor törnen total ab.
  • Ein Titel oder eine Auszeichnung können für sich allein schon reizvoll sein.
  • Durchsetzungsvermögen, Redegewandtheit, mathematische, musische oder sonstige Begabungen werden mit Intelligenz verbunden und sind daher attraktiv.
  • Interesse an Personen in Berufen, die eine spezielle oder Hochschulausbildung voraussetzen, wie z. B. Arzt-, Rechts-, Polizei-, Lehrwesen.

Dass Sapiosexualität die Optik durchaus komplett vernachlässigen kann, zeigen Beispiele berühmter Persönlichkeiten, die aufgrund ihres Intellektes und nicht wegen einer großen optischen Attraktivität begehrt wurden. Dazu gehört der berühmte Schriftsteller Jean Paul Sartre (1905-1980), der 1,53 m klein war und schielte. Er gilt als Paradefigur der französischen Intellektuellen und musste sich um Frauenbekanntschaften keine Gedanken machen.

Die Bedeutung der Sapiosexualität beim Online-Dating

„Gleich und gleich gesellt sich gern“ ist ein Sprichwort, das auch auf die Sapiosexualität zutrifft. Denn gerade im Online-Dating ist die Kommunikation auf Augenhöhe ein wichtiges Kriterium, um überhaupt mit einem potentiellen Partner ins Gespräch zu kommen. Und noch ein Faktor spielt bei der Partnersuche online eine Rolle: Das Kennenlernen erfolgt zunächst über den Austausch von geschriebenen Nachrichten, später durch Telefonate. Auch, wenn Bilder optische Reize setzen, so können sie gefakt und alt sein oder ein völlig falsches Bild vom Gegenüber vermitteln. Erst die Kommunikation bringt Licht ins Dunkel und trennt schnell die Spreu vom Weizen. Intelligenz lässt sich vielfach schon an der Sprache und Ausdrucksweise erkennen. Zwar kann sich eine gebildete Person dumm stellen, aber eine dumme Person wird kaum mit hochkarätigem Wissen glänzen.

Bei genauerem Hinsehen wird klar, dass Sapiosexuelle nach Gleichgesinnten suchen. Das muss nicht offensichtlich sein. Der Automechaniker, der ein perfektes Hochdeutsch spricht und sich in seiner Freizeit mit komplexen Technikstrukturen beschäftigt, findet z.B. eine studierte Kunstakademikern toll, die sich für Museen und Jazzkultur interessiert. Oft ist auch zu beobachten, dass Männer, die selbst Ziele haben, sich extrem für gebildete Frau interessieren, völlig unabhängig davon, aus welcher gesellschaftlichen Schicht sie kommen oder welchen beruflichen Status sie besitzen.

Sapiosexuelle kommunizieren relativ bedacht, schon allein deshalb, weil es in ihrer Natur liegt. In ihren Nachrichten finden sich in der Regel keine Rechtschreibfehler, Satzbau und Grammatik stimmen, Fremdwörter und Fachausdrücke werden geschickt an der richtigen Stelle eingebaut. Die Anrede in Nachrichten ist niemals platt oder derb, sondern mit einer Prise Neugier und Humor gespickt. Ein No-Go sind abgehakte Sätze. Smileys werden nur verwendet, um Missverständnisse zu vermeiden. Reizvolle Gespräche, die sich um andere Themen als Wetter, Befindlichkeit, Aussehen oder Hobbies drehen, stattdessen die Neugier wecken und den anderen dort abholen, wo er gerade steht, sind der Garant für ein Matching. Disco, Musikclub oder Schwimmbad eignen sich für Sapiosexuelle weniger als Treffpunkte für ein erstes Date. Wer sich etwas Kreatives, Tiefgründiges und Ruhiges überlegt, punktet.

Die Kehrseite der Medaille

Wer in seinem Profil „sapiosexuell“ angibt oder erklärt, er steht auf Klugheit, Wissen, Intelligenz, wird mitunter je nach Plattform oder auch im realen Leben schnell in die Schublade des eingebildeten, sich für etwas besseres haltenden Snobs gesteckt. Auch überhebliche Arroganz haftet der Sapiosexualität an. Vielleicht ist es so, vielleicht nicht. Abgrenzung im großen WorldWideDatingWeb gegenüber Personen, die weniger intelligent sind als man selbst, soll für manche auch ein Grund sein, sich als sapiosexuell zu bezeichnen.

Andere finden, das Thema wird überbewertet und ist Quatsch. Jeder hat doch irgendwelche Vorlieben, aus denen nicht gleich ein neuer Begriff geformt werden muss, der Vorurteile oder Klassifizierungen schafft. Letztlich entscheidet jeder für sich selbst, wie er dazu steht.

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